Bei der dritten Lerneinheit steht das Hineinversetzen in andere im Vordergrund. Dabei lernen die Schüler, dass das eigene Verhalten auch Auslöser von Reaktionen sein kann. Um Verständnis für andere haben zu können, muss man auch versuchen, bestimmte Dinge aus ihrer Perspektive zu betrachten. Wenn man den anderen versteht, und weiß, warum er wie reagiert, ist der Klassenalltag friedlicher und harmonischer. Dazu kann es hilfreich sein zu erfahren, dass auch die Kinder, die man eigentlich nicht so mag, die eigenen Probleme verstehen und bei der Lösung behilflich sein können. Wenn es doch mal zu Konflikten kommt, gibt es geeignete Strategien, um die Probleme schnell wieder zu lösen. Zusätzliche Regeln, die gemeinsam aufgestellt werden, helfen zusätzlich, größere Konflikte zu vermeiden.
Täter und Opfer
Jeder fühlt sich mal ungerecht behandelt. Doch, dass man nicht immer nur das Opfer ist, sondern ganz schnell auch zum „Täter” werden kann, zeigen die Figuren der Klasse 2e der Gottlieb-Rühle Schule aus Mössingen. Eine Schülerin hat sich mit orangefarbenem Karton und einer bunter Kette dargestellt. Die eine Seite der Figur zeigt die Opfersicht: „Alesio hat mich geschuckt”. Auf der anderen Seite fängt sie dagegen einen Streit mit Freundin Nicole an. Das Mädchen stellt fest: „Man fühlt sich egal in welcher Situation irgendwie blöd”.
Du hast angefangen!
Konflikte sind wichtig. Man sollte also nicht versuchen, Kinder davor zu bewahren, sondern ihnen helfen, konstruktiv damit umzugehen. Ist ein Streit da, behaupten oft alle „Streit-Parteien”, dass der jeweils andere begonnen hat. Dieses Problem lässt sich meist nicht lösen – man kann aber versuchen nicht nur die eigene, sondern auch die andere Perspektive zu betrachten und so Verständnis zu schaffen. Aber dieses Einfühlungsvermögen muss auch trainiert werden. Eine kleine Geschichte als Diskussionsgrundlage:
Marie freut sich schon auf die große Pause, da kann sie endlich wieder mit Kathrin spielen. Als es läutet, sagt sie zu Kathrin: „Komm, wir gehen schnell runter, dann erwischen wir noch einen Platz auf der Schaukel!” Marie geht runter – und wartet und wartet, doch ihre Freundin kommt nicht. Erst als die Pause schon fast vorbei ist, sieht sie Kathrin. Aber sie ist noch nicht mal auf dem Weg zur Schaukel, sondern spielt mit Sofia. Marie wird richtig sauer. Als alle wieder im Klassenzimmer sind, sagt sie zu Kathrin: „Du bist nicht mehr meine Freundin!“ Diese antwortet: „Was ist denn jetzt los, ich habe doch gar nichts getan!” Doch Marie wird immer wütender: „Tu doch nicht so blöd, du bist echt gemein!“ Da wird auch Kathrin stinkig: „Blöde Kuh!” sagt sie zu Marie. Jetzt gibt es richtigen Streit und Marie möchte sich den Stift wiederholen, den sie Kathrin geliehen hat. Als sie nach dem Mäppchen greift, möchte Kathrin ihr Mäppchen in Sicherheit bringen – und da passiert es, beide Mädchen rempeln sich an und Marie fällt hin. In dem Moment kommt Frau Schmidt, die Klassenlehrerin, herein. Sie fragt: „Was ist denn hier los?”
Mögliche Fragen, die das Gespräch lenken können:
Wie geben die Kinder den Streit wieder?
Wie ist es zu dem Streit gekommen?
Gibt es überhaupt einen Schuldigen?
Hätte man den Streit verhindern können?
Wie kann der Konflikt gelöst werden?
Die Klasse kann auch in die „Marie”-Gruppe und in die „Kathrin”-Gruppe eingeteilt werden. Sie müssen jetzt jeweils Gründe für das Verhalten finden und/oder sagen, warum sie das Verhalten der anderen blöd fanden.
Was war vorher?
Wie beurteilen die Schüler die Situation, wenn sie die Vorgeschichte kennen? Für wen zeigen sie Verständnis?
Kathrin hat es einfach nicht gehört, dass Marie an der Schaukel auf sie wartet. Wie fühlt sich wohl Kathrin, als Marie nach der Pause zu ihr kommt?
Kathrin ist immer noch ein wenig enttäuscht, weil Marie ihr beim Ballspiel im Sportunterricht nie zugespielt hat. Deshalb geht sie mit Absicht nicht zur Schaukel – sondern spielt lieber mit Sofia.
Warum beschuldigt man andere?
Gründe für Sätze wie „Die haben angefangen” gibt es viele. Welche finden die Kinder? Beispielantworten auf die Frage „Warum sagt ihr, haben die anderen angefangen?” könnten sein:
Man hat Angst vor Konsequenzen.
Es ist einfacher, andere zu beschuldigen, als selbst Verantwortung zu übernehmen.
Man kann die anderen nicht leiden und möchte Ihnen eins „reinwürgen”.




